Fukushima Daiichi und die Verantwortung von GE – Masayuki Takayama hinterfragt Reaktorkonstruktion und Zeitungsberichterstattung

2024-02-20
Als würde GE einem zwölfjährigen Kind eine Standpauke halten, sagte das Unternehmen: „Das Hochpumpen von Wasser kostet doch Geld!“ und ließ eigens den Hügel abtragen und das Kraftwerk tiefer errichten.
Die TEPCO-Seite sagte aus japanischem Instinkt heraus, sie wolle das Kraftwerk auf einem hohen Hügel an der Küste errichten.
19. Februar 2018
Das Folgende stammt aus der dieswöchigen Ausgabe der fortlaufenden Kolumne, die Masayuki Takayama, der einzigartige Journalist der Nachkriegswelt, in der Wochenzeitschrift Shukan Shincho veröffentlicht.
Liebedienerische Zeitungen
Eisenhower war ein guter Mensch, eine Seltenheit unter Amerikanern.
Er bewilligte Japan Weltbankkredite, sodass Japan die Tomei- und Meishin-Autobahnen bauen, den Shinkansen in Betrieb nehmen und sich so weit erholen konnte, dass es die Olympischen Spiele in Tokio ausrichten konnte.
Trotzdem erlaubte er Japan nicht, in die Kernenergie einzusteigen.
Selbst bei friedlicher Nutzung würde Japan, sobald es über Nukleartechnologie verfügte, irgendwann Vergeltung für Hiroshima und Nagasaki üben.
Deshalb sträubte er sich gegen die Einführung von Atomkraftwerken in Japan.
Aber die Japaner sind klug.
Wenn es mit den USA nicht ging, dann eben mit Großbritannien: Sie einigten sich mit den Briten, führten einen graphitmoderierten Reaktor ein und begannen mit der Stromerzeugung.
Als Brennstoff genügt Natururan.
Bei seiner Verbrennung entsteht genügend Plutonium.
Das ging so weit, dass Russland in Tschernobyl Reaktoren desselben Typs baute.
Der amerikanische Präsident änderte seine Politik.
Im Gegenzug dafür, dass Japan Atomkraftwerke erhielt, sollten die USA alles verwalten und überwachen.
So wurden den neun Stromversorgern Leichtwasserreaktoren von Westinghouse und GE mit niedrig angereichertem Uran zur Verfügung gestellt.
TEPCO führte Siedewasserreaktoren von GE ein.
Die Leute von GE, die daraufhin kamen, traten überheblich auf.
Die TEPCO-Seite sagte aus japanischem Instinkt heraus, sie wolle das Kraftwerk auf einem hohen Hügel an der Küste errichten.
Als würde GE einem zwölfjährigen Kind eine Standpauke halten, sagte das Unternehmen: „Das Hochpumpen von Wasser kostet doch Geld!“ und ließ eigens den Hügel abtragen und das Kraftwerk tiefer errichten.
Deshalb wurde es am 11. März vom Tsunami getroffen.
GE teilte TEPCO weder die Konstruktion des Reaktorkerns noch dessen Werkstoffe mit.
Ihr könnt ruhig unwissend bleiben.
Wir kümmern uns um euch, hieß es, als wäre GE eine Kolonialmacht.
Als der Reaktor dann tatsächlich in Betrieb genommen wurde, entdeckte man Risse in den Rohrleitungen, die Brennstabhüllrohre waren korrodiert, und der Reaktor erreichte nicht einmal ordnungsgemäß die Kritikalität.
Die japanische Seite unternahm alles Erdenkliche, etwa die Werkstoffe der Hüllrohre zu ändern, und brachte schließlich die Stromerzeugung zustande; doch als sie sich die Reaktorkonstruktion noch einmal ansah, fehlte eine Entlüftung zur Druckentlastung des Reaktorkerns im Notfall.
Als sie darauf hinwies, erklärte GE unverblümt: „Bei einem GE-Produkt ist ein solcher Fall nicht vorgesehen. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.“
Jene Entlüftung, auf die am 11. März so große Hoffnungen gesetzt wurden, war in Wahrheit von TEPCO eigenständig eingebaut worden.
Doch GE dankte Japan nicht einmal dafür, dass es solche mangelhaften Reaktoren überhaupt nutzbar gemacht hatte.
Als TEPCOs Kraftwerk in Fukushima dann von jenem Tsunami getroffen wurde, flohen obendrein die vor Ort stationierten GE-Mitarbeiter sofort und flogen auf Anweisung der GE-Zentrale in die USA zurück.
Die GE-Zentrale war von Anfang an verantwortungslos gewesen.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September erließ die amerikanische Atomaufsichtsbehörde eine Nachrüstungsanordnung: „Jedes Atomkraftwerk muss unbedingt über mehrere Reservestromquellen verfügen.“
Dies beruhte auf Versuchsergebnissen, wonach sich selbst bei einem verheerenden Terrorangriff ein unkontrollierter Vorgang im Reaktorkern verhindern ließe, wenn mehrere Reservestromquellen vorhanden wären; doch GE teilte TEPCO nicht einmal dies mit.
Hätte TEPCO davon gewusst, wäre sein Kraftwerk in Fukushima mit mehreren Reservestromquellen ausgestattet worden, und jene Situation hätte sich mit Sicherheit vermeiden lassen.
An allem war GE schuld.
Doch die japanischen Zeitungen nahmen diesen Übeltäter weiterhin in Schutz.
Die meisten Zeitungsreporter und Auslandskorrespondenten sind amerikahörig.
Insbesondere die Asahi Shimbun verehrt die USA beinahe wie einen Unternehmensgrundsatz und verschwieg sogar die Tatsache, dass die Reaktoren in Fukushima von GE stammten.
Redaktionsmitglied Keiji Takeuchi schreibt: „In Japan wurden aufgrund der leichtfertigen Annahme, eine Kernschmelze werde nicht eintreten, keine Entlüftungen eingebaut; unter dem Druck der Entwicklungen im Ausland wurden sie jedoch eingeführt.“
Sie stammen nicht von GE.
Es handelt sich um mangelhafte Reaktoren aus einheimischer Produktion – das sagt er damit.
Die Einwohner der Präfektur Fukushima machten deshalb allein TEPCO Vorwürfe und strichen Entschädigungen ein, doch es gab auch Menschen, die auf diese Täuschung der Asahi nicht hereinfielen.
Drei Japaner und mehrere Unternehmen aus den Katastrophengebieten reichten Ende vergangenen Jahres beim Bundesbezirksgericht in Boston Klage ein und erklärten: „GE, das minderwertige Reaktoren gebaut und sie nicht einmal ordentlich gewartet hat, ist der eigentliche Verantwortliche für jenen Unfall.“
Wenn die Klage zugelassen wird, kann die japanische Seite vom GE-Vorsitzenden bis zu den geflohenen Mitarbeitern vor Ort alle zu Aussagen vernehmen lassen.
Sie kann auch sämtliche internen Dokumente von GE anfordern.
Nun kann die japanische Seite jene Methoden anwenden, unter denen japanische Unternehmen in der Vergangenheit so sehr gelitten haben.
Die ganze Nachlässigkeit, die zu jenem Unfall führte, ihre Vertuschung und nebenbei auch die Japanstrategie von GE lassen sich vollständig aufdecken.
Eine erfreuliche Geschichte, doch die japanischen Korrespondenten ignorieren auch dieses Thema.
Sie wollen Journalisten bleiben, die von Amerika geliebt werden.
Wie aufopferungsvoll sie doch sind.

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